„Ich laufe den Marathon meines Lebens“

Bernhard Müller aus Ebersburg kämpft mit Bewegung und Lebensfreude gegen seinen Krebs

Seit seiner Jugend ist Bernhard Müller einige Marathons gelaufen, hat für waghalsige Ski- und Bergtouren die höchsten Gipfel bestiegen und auch sonst kaum eine Sportart ausgelassen. Der 46-Jährige aus Ebersburg in der hessischen Rhön ist ein extremer Hobbysportler durch und durch. Doch seit eineinhalb Jahren steht seine Welt Kopf. Bernhard Müller hat Krebs und sieht seine Situation trotzdem weiterhin aus sportlicher Perspektive: „Ich laufe gerade den Marathon meines Lebens und bin bei Kilometer 36. Jeder, der schon mal einen Marathon gelaufen ist, weiß, wovon ich spreche.“

Müller strahlt eine solch unbändige Lebensfreude aus, die einen vergessen lässt, dass er erst vor zwei Wochen – Anfang Februar 2012 – zum zweiten Mal einen Teil seiner Leber entfernt bekommen hat. Obwohl ihm die Ärzte eine positivere Prognose gegeben hatten, wurde Mitte Januar bei einer Kontrolluntersuchung wieder eine Metastase gefunden. Bevor operiert wurde, ist er mit seiner Frau eine Woche in die Schweiz gefahren. Und das nächste Ziel hat Müller auch schon fest im Blick: „Am 8. März fliege ich in die Vereinigten Staaten zum Skifahren. Das ist meine Belohnung für die vergangenen eineinhalb Jahre. Und solange es mir so gut geht wie momentan, will ich leben.“

„Das muss man irgendwie aushalten“

Das Datum des Abflugs ist für Müller auch ein besonderes, ein Jahrestag. Am 8. März 2011 bekam er die letzte Chemotherapie, gegen „bösartiges Karzinom im Dickdarm“. Diese Diagnose hatte man ihm am 8. Oktober 2010 gestellt, nach weiteren Untersuchungen mitgeteilt, dass sich Metastasen auf der Leber gebildet hätten. Drei Wochen später wurde Müller am Darm operiert und begann dann ab Mitte November mit einer schweren Form der Chemo. Im Mai 2011 wurde zum ersten Mal ein Großteil seiner Leber entfernt. „Bei der Chemotherapie kann man nichts machen. Das muss man irgendwie aushalten. Ich hatte dabei sehr viele Tiefen und habe auch Rotz und Wasser geheult. Aber ich bin immer wieder raus in die Natur gegangen. Und wenn ich mich nur vom Auto zu einer Bank am Waldesrand geschleppt habe. Die Natur hat mir unheimlich viel Kraft gegeben“, betont Müller.

Wieso ich?

Seine Erkrankung hat Müller auch dazu gebracht, sich intensiv mit sich selbst auseinanderzusetzen. „Ich dachte immer, ich sei unverwundbar, man könne mir nichts anhaben. Ich bin mit Freunden auf die Berge gekraxelt, wir haben uns in den steilsten und felsigsten Bergrinnen abgeseilt, um Tiefschneehänge hinunterzufahren, ich bin sogar mal in eine Lawine geraten – aber mir ist nie etwas passiert. Und dann bekomme ich Krebs“, erzählt Müller, der vor gut 20 Jahren als Skiguide in den gesamten Alpen gearbeitet hat und schüttelt fast ungläubig den Kopf.

Besonders die Frage des „Warum“ hat den umtriebigen Sportler seither sehr beschäftigt. „Das war für mich die elementarste Frage. Ich wollte wissen: wieso ich? Aber die Ärzte sagten nur, ich solle nicht darüber nachdenken. Das hat mich regelrecht auf die Palme gebracht. Doch ich brauchte diese Antwort für mich. Und nach vielen Gesprächen und spirituellen Erfahrungen habe ich sie gefunden. Das war sehr wichtig für mich, und ich kann nun sagen, dass ich noch nie so mit mir im Reinen war wie jetzt“, betont Müller und ergänzt: „Jetzt, im Nachhinein, bin ich mir sicher, dass es so kommen musste.“

Trotz der zunächst niederschmetternden Diagnose kämpfte der Ebersburger, der als Systemischer Therapeut arbeitet, mit viel Bewegung und positiven Gedanken gegen seine Krankheit an. „Immerhin habe ich eine Überlebenschance von 5 Prozent in den nächsten fünf Jahren. Lance Armstrong hatte nur 3 Prozent.“ Das Buch „Tour des Lebens“ von Lance Armstrong hatte sich der Ebersburger direkt nach der ersten OP ausgeliehen und verschlungen.

Und so versucht Müller, seinen Körper durch tägliche Bewegung und leichten Sport fit zu halten. Er geht mit seinem Hund Emma spazieren, fährt Fahrrad, macht Nordic Walking, geht wandern oder frönt jetzt im Winter seiner großen Leidenschaft dem Skifahren. „Mein Weg ist nicht auf jeden übertragbar. Denn ich habe, seit ich denken kann, einen unglaublichen Drang mich zu bewegen. Es geht darum, dass man in einer solchen Situation überhaupt etwas tut.“ Zudem ist der 46-Jährige davon überzeugt, dass für jeden Betroffenen eine Aufgabe, eine sinnvolle Beschäftigung wichtig ist, um nicht permanent an die Krankheit zu denken. „Denn die Psyche ist ein immens wichtiger Faktor. Und für mich war sehr schnell klar, dass ich nicht möchte, dass die Krankheit mein komplettes Leben beherrscht.“

Neben Bewegung und Betätigung spiele jedoch das soziale Umfeld eine sehr entscheidende Rolle. „Ich bin gegenüber meiner Familie und meinen Freunden sehr offen mit meiner Erkrankung umgegangen und habe ihnen, glaube ich, somit ein stückweit ihre Befangenheit genommen.“

Text: Caroline Schreiner/Deutsche PalliativStiftung
Foto: Privat

Durch seinen schwersten Marathon will sich Müller mit seinem unbändigen Lebenswillen durchkämpfen.

„Denn erst bei Kilometer 36 fängt der Lauf erst richtig an; nicht bei Kilometer Null. Bei Kilometer 36 denkt man ans Aufgeben, es zwickt, es zieht, es tut alles weh. Genau da fängt der Ernst des Lebens an.“ 

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